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Kapitel 1
  Feuer im alten Wald
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Yvonna stieß die schwere Holztür auf. Ihr schmales Gesicht war von Wut verzerrt und die schwarzen Augen funkelten wieIvonna die Freudenkerzen zur Wintersonnenwende. Im großen Gemeinschaftsraum war es dämmrig. Yvonnas Augen waren vom hellen Glanz der Sonne noch geblendet. Hilflos stand sie einen Moment, im Rücken, wie einen Bilderrahmen, die sonnendurchflutete Tür. Rona ahnte nichts Gutes. Diese Auftritte ihrer Tochter waren in der letzten Zeit schon fast ein tägliches Ritual. Töchter in diesem Alter sind wohl so, dachte sie sich. „Olkor hat seinen Ball genau über mein Sandbild gerollt. Dann hat er auch noch gelacht!“, schimpfte Yvonna los. Rona fing ihre Tochter ein, setzte sich auf den Schemel beim Herdfeuer und zog das Kind auf ihren Schoß. „Yvo, meine Sonne, was war es denn für ein Bild?“, versuchte Rona vorsichtig vom Thema abzulenken. Mit einem kleinen Seufzer erzählte das Kind ihr von den bunten Blumen, die auf dem Bild erblühten, und dem schönen Haus aus Steinen. Ebenso ein Haus, wie sie später eines bewohnen wollte. Yvonna verachtete das grobe Holzhaus in dem sie jetzt wohnten. Obwohl sie noch keine drei Jahre gewesen war, konnte sie sich noch an das Haus in der Hauptstadt Kollberg erinnern. Es war ein prächtiges Steinhaus mit einem Keller für die Vorräte und einem großen Dachboden, um sich darin zu verstecken. Doch jetzt, eine große Hütte aus rohen Stämmen und zu ebener Erde. Nur das Dach war schön. Wenn die kalten Winde wehten, pfiffen sie ihre Lieder in den hohlen Stängeln der Schilfschindeln. Trotzdem eine edle Familie wie die ihre sollte nicht hier leben.
Die Tankots waren einst eine angesehene Familie, sogar mit dem Königshaus verwandt. Doch vor acht Jahren geschah das Unheil. Wie alle Jungen in Großwiet wurde auch Olkor der ersten Prüfung unterzogen. Nur wer sie bestand durfte eine Schule besuchen. Für einen kleinen Jungen von gerade sechs Jahren war das eine große Aufregung. Einen ganzen Tag fort von zu Hause, getrennt von der Familie, im großen, grauen Schulhaus eingesperrt. Ganz ohne jede Hilfe den Forderungen der Lehrerin ausgeliefert. Olkor gab sich große Mühe. Zu große Mühe. Alles fing gut an. Er malte einen Baum und den Drachen von Gool. Einen besonders schönen Drachen. Genau waren die großen goldglänzenden Schuppen zu erkennen und auch der Strahl von blauem Feuer, den er ausspie, war prächtig. Das Sortieren der Stäbchen aus Hongarholz erst nach den Farben und dann nach den Längen war nur ein Spiel. All dies wurde nur von der Lehrerin beobachtet. Die nächste Aufgabe, Türme aus verschiedenen Steinen aufzubauen, war ein Wettspiel, an dem alle Jungen beteiligt waren. Olkor merkte schnell, dass andere schneller waren als er. Und plötzlich geschah etwas, was sein Leben und das seiner Familie für immer verändern sollte. Als der Junge merkte, dass sein Turm zu wanken begann, hielt er ihn beim Weiterbauen einfach oben fest. Ungewöhnlich daran war nur womit er sein Bauwerk stützte. Er konzentrierte sich auf die Vorstellung einer dritten Hand, die den Turm umfasste. Sicherlich wäre es den Lehrerinnen nicht aufgefallen. Doch als die meisten Jungen bereits ausgeschieden waren, war es nicht mehr zu übersehen. Olkors Turm konnte nicht wirklich so stehen, wie er es tat. Hier war Magie im Spiel.
Seit den Tagen der Alten, als noch die goldenen Drachen flogen, hatte die Magie nicht viel Gutes für die Menschen in Wiet gebracht. Die mächtigen Magier der alten Zeit waren unbarmherzige Herrscher gewesen. Erst als die großen Drachen die Magier mit sich fortnahmen, kehrte der Frieden wieder. Doch die Magie war ein Fluch. Und immer kehrte sie zurück; versteckt in den Körpern unschuldiger Kinder schlich sie sich ins Land. Darum werden Magier ohne Gnade in den Norden verbannt. Dort ist das Leben hart und wer überleben will hat keine Zeit für Magie.
BannkreuzDie Reiter des Rates kamen und schlugen das Bannkreuz an die Haustür der Familie. Das Zeichen der blauen Flamme mit dem goldenen Drachen war Fluch und Segen zugleich. Jetzt waren sie eine Woche geschützt. Die Reiter würden kein Unrecht zulassen. Niemand durfte aus Angst oder Hass der Familie Schaden zufügen oder sie auch nur beleidigen. Denn die Verbannung der Magier war keine Strafe. Es war der Schutz aller vor dem, was einst Unheil brachte. Am achten Tage aber waren sie frei. Keiner durfte ihnen zur Hilfe eilen. Nur wenn sie reisten waren sie geduldet. Es blieb nur eine Woche, um die Habe zu packen und auf die lange Reise nach Nordwiet zu gehen. Weit fort in das eisige Land der Verbannten.
Yvonna verstand nicht, warum sie bestraft wurde nur weil ihr Bruder bei der ersten Prüfung einen Turm falsch aufgebaut hatte. Sie hatte Olkor nie Magie wirken sehen. Er war doch nur einfach ihr Bruder, von den Göttern geschaffen, einzig um sie ständig zu ärgern. Bei Gool, dieser Aufgabe wurde er wirklich gerecht. Es verging kein Tag, der nicht sein Drama hatte. Ronas Langmut und die Geduld eines Hyfen verhinderten, dass sich die Geschwister ernsthaft überwarfen.
Doch wenn die Waffen ruhten, war das Geschwisterpaar ein Herz und eine Seele. Das war auch nötig, denn sie mussten oft allein zurechtkommen. Wenn der Vater in die Berge ging um Erz zu brechen und die Mutter Hongarholz für ihre Schüsseln und anderen Küchengeräte sammelte, war niemand da, der sie beschützte oder einen Streit schlichten konnte. Alle in der Familie hassten die Zeiten der Trennung. Aber Jeman, der Eisenformer, brauchte Erz. Ohne Erz kein Eisen, ohne Eisen keine Nahrung. In Nordwiet wuchs nicht genug, um davon leben zu können. Die langen Winter und die nasskalten Sommer, der Felsboden und die tiefen Wolken. Sie nahmen allen Pflanzen den Mut zu wachsen. Nur Hongarbäume gab es. Diese Riesen brachen mit ihren Wurzeln den steinigen Boden auf. Ihre Wipfel erstreckten sich wie gewaltige Dächer hoch im Himmel. Das Holz war hart. Nicht einmal Jemans beste Axt konnte es spalten. Nur Barum, der ewig trunkene Gott er Winde, brach schon mal den einen oder anderen Ast ab. Ein Glück für Rona. Sie sammelte das Holz und formte daraus Teller, Schüsseln und Besteck. Einzig die Lavakristalle aus Jemans Erzhöhle konnten das Holz schneiden. Kunstvoll schmiedete er die funkelnden Kristalle in die Meißelschneiden. Zwar wären die Kristalle in Kollberg ein Vermögen wert gewesen, doch auf den Märkten von Nordwiet war Schmuck nicht gefragt. Ein Topf aus Eisen und ein Napf aus Hongarholz waren wichtiger als ein Edelstein auf der Stirn. Er würde ohne die Sonne hier im Lande der Dämmerung ohnehin nie funkeln und strahlen können.
HongarblattVon Zeit zu Zeit nahm Rona die Kinder mit zu den Bäumen. Sie holten den Wagen unter dem Wetterdach hervor. Jeman hatte ihn gebaut. Die Räder waren groß und mit Eisenreifen beschlagen. So konnte man ihn auch über Felsen und Steinhalden ziehen. Mit dem leeren Gefährt im Schlepp zogen sie los um Blätter zu sammeln. Die Blätter der Riesenbäume wuchsen im Sommer wie im Winter. Waren sie alt fielen sie zu Boden. Sie waren fingerdick und so groß wie die Hand eines erwachsenen Mannes. Wenn sie aus der Höhe der Wipfel kommend den Boden trafen gruben sie sich tief in die Erde ein. Nur ihr herbsüßlicher Harzgeruch verriet ihr Versteck. Diese holzigen Geschosse der Hongarbäume waren ein idealer Brennstoff. Vor allem die Sommerblätter quollen förmlich von Harz über. Sie waren für das Feuer eigentlich zu schade. Wenn Rona sie zu Hause vorsichtig erhitzte tropfte das Harz heraus. Damit konnte man Gewebtes tränken und bekam regenfeste Kleidung, in diesem Land lebenswichtig. Wenn der Wagen voll war mussten sie sich alle drei in die Schlaufen vorn am Wagen hängen und gemeinsam mit aller Kraft ziehen. Noch schlimmer war es dann den Abhang zum Haus hinunter. Den vollen Wagen aufzuhalten, wenn er erst einmal rollte, war schier unmöglich. Ein solcher Fehler kostete viel Zeit. Denn das führerlose Gefährt geriet schnell aus der Bahn und stürzte um. Jetzt hieß es alles aus dem Inneren herausräumen, denn Wagen aufrichten und alles wieder hinein. Doch seit Yvonna etwas größer geworden war, reichten ihre Kräfte meist aus ein solches Malheur zu verhindern.
Es war wieder einmal soweit. Rona schickte Olkor den Wagen zu holen. Die drei Haken lagen auf dem Tisch und Yvonna zog ihre älteste Robe an. Immer, wenn sie mit dem Haken die harzigen Sommerblätter aus dem Boden zerrte, war ihr Bauch mit einer dicken Schicht einer klebrigen Masse aus Harz, Tuchfasern und Erde bedeckt. Solche Robe konnte eine heranwachsende junge Dame natürlich nicht weiter tragen. Das Wetter war ihnen wohl gesonnen. Keine Wolke drohte mit Regengüssen. Doch wer Nordwiet kannte, lobte den Ausflug nicht vor der Heimkehr. Rona legte, nur zur Sicherheit, für jeden ein geharztes Tuch auf den Wagen. Sie zogen nach Westen, den alten Wäldern entgegen. Dort war der Boden sehr hart, der Wagen rollte gut und die Blätter schauten meist zur Hälfte aus der Erde.
Wenn man sich in der Nähe des Waldrandes hielt, brauchte man auch keine Angst vor den Kahlen zu haben. Sie scheuten das Tageslicht und verließen den Wald nie ganz. Die Kahlen waren sehr einfache Wesen. Sie hatten weder Haare noch Fell. Ihre derbe nackte Haut bedeckten sie nur im Winter mit ungegerbten Fellen der braunen Waldkatze. Wenn sie durch den Wald zogen machen sie Jagd auf alles, was sie für essbar hielten. Es war fast unmöglich ihnen zu entkommen. Kein Laut verrät der Beute die Nähe der Jäger. Die Kahlen haben keine Stimmen. Obwohl erzählt wurde die Jungen würden nach der Geburt schreien, wie ein menschliches Neugeborenes. Doch wenn ein Menschenkind zu sprechen begann, verstummte ein kleiner Kahler für immer. Keiner wusste, was an den Legenden Wahrheit und was Dichtung war. Rona hatte aber auch nicht die Absicht es heraus zu finden. Schnell füllte sich der Wagen. Als die Sonne im Mittag stand, hatten sie die Ladung vollständig. Neben einem Dornfruchtstrauch war ein kleiner Flecken mit Gras. Hier ließen sie sich zu einer Rast nieder. Ein guter Platz, denn im Strauch lebte eine Gruppe Hyfenohren. Ihre Späher flatterten immer in die höchsten Zweige und machten ein gewaltiges Spektakel, wenn sich etwas dem Rastplatz des Vogelschwarmes näherte. Bliebt man eine Weile in Sichtweite, ohne zu dicht an den Strauch heran zu gehen, beruhigten sich die kleinen Tiere. Jetzt konnte man sich unter ihrem Schutz sicher fühlen. Kein Kahler würde ungesehen herankommen.
HyfenohrNoch während der Rast zogen dunkle Wolken auf. Ihre ausgefransten Ränder griffen wie riesige Finger Stück um Stück das Blau des Himmels, bis sie auch die Sonne verdunkelten. Ein warmer Wind wehte aus dem Wald und trug den betäubenden Duft der Hongarharzes mit sich. Im Dornfruchtstrauch wurde es still. Eine merkwürdige Last legte sich auf die drei Rastenden. Etwas war anders, es war kein üblicher Sommerregen, der sich da ankündigte. Und wieso wehte der Wind aus dem alten Wald, das tat er nie. In den Tiefen dieser riesigen Ansammlung von gewaltigen Hongarbäumen brach sich jeder Luftzug. Was, im Namen von Gool, passierte hier?
Nur eine Erklärung blieb Rona und die mochte sie nicht einmal denken. „Der alte Wald brennt!“
Yvonna stand auf, blieb erstarrt stehen und blickte irgendwo in den Wald. „Sie schreien“, sagte sie leise, „Sie schreien alle!“. „Wer schreit?“, fragte Rona, die keinen Laut hören konnte. „Die Kahlen, sie kommen und schreien.“. Das Mädchen schloss die Augen und fiel vorn über auf den Boden. Olkor beugte sich über seine Schwester und lauschte nach ihrem Atem. „Sie lebt, aber sie ist so blass.“ Rona schaute sich um, instinktiv verhielt sie sich wie eine Waldkatzenmutter. Alle Sinne suchten nach Anzeichen der Gefahr. Der Wind wurde stärker. Er duftete nicht mehr, beißend roch es nach siedendem Hongarharz. Jetzt war sich Rona sicher. Zu ihren Kindern gewandt wollte sie eine Warnung rufen. Aber der Klang ihrer Stimme wurde von einem rasenden Donner übertönt. Olkor richtete sich ein wenig auf und blickt zur Mutter. Verloren und winzig stand sie, die Augen von Angst geweitet und den stummen Schrei auf den Lippen, vor einer baumhohen Walze aus blauen Feuer. Sie zerfällt im Augenblick zu einem Schatten grauer Asche und wird verweht. Die Hände schützend über seinen und den Körper seiner Schwester erhoben schloss der Knabe die Augen und erwartete den sengenden Strom aus dem alten Wald. Er hörte das Dröhnen, dem Trampeln einer Herde von tausenden wilder Hyfen gleich, über sie fegen. Doch das Tosen zog weiter ohne das die Glut seinen Körper versengte. Kein Luftzug des Feuersturmes auf seiner Haut. Olkor verharrte minutenlang ohne jede Regung. Vorsichtig hob er die Augenlider. Noch immer war er mit erhobenen Armen halb über seine bewusstlose Schwester gebeugt. Er spürte unter seinen Knien wie zuvor das Gras. Eine kreisrunde Insel um die beiden in einer grauen Aschewüste. Kein Baum, kein Strauch, kein noch so leises Geräusch. Zwei Menschen im Nichts.

 

Kapitelende

 

 



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