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Kapitel 3
  Im Kristalltor
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Einen ganzen Tag liefen die Geschwister schon durch knöcheltiefe Asche. Ihre Gesichter waren grau vom Staub, von Hunger und Durst. Alles war grau, Yvonnas Haare, sonst schwarz wie das weiche Hyfenauge vom Fuß des Wächters, sah aus wie vom Alter gebleicht. Nur ihre Augen waren noch klar, vom Feuer des Trotzes glühend. Sie wollten nach Norden zum Kristalltor, den Vater suchen. Nach Hause zu gehen hatte keinen Sinn. Der Sturm des blauen Feuers war in diese Richtung geweht. Dort würde wohl auch nur Asche geblieben sein. In der Ferne konnten sie schon das Nordgebirge sehen. Im Osten und im Westen verschwanden die Bergketten im Nebel, oder war es noch Rauch? Doch vor ihnen erhob sich das Kristalltor. Obwohl er der kleinste der drei Brüder war, ragte er fast in die Wolken hinein. An seinem Fuß zog sich ein grüner Saum. Zu ihm schien die Walze der Glut nicht hingelangt zu sein. Auf ihrem Weg begegneten ihnen jetzt immer wieder große Steine, als hätte sie Damila wie die Körner der Frühjahrssaat ausgeworfen. Die Oberseiten der Felsbrocken waren glatt geschmolzen von der Hitze. Nur an den letzten Steinen war die Rückseite noch etwas rau. Sie waren wohl dem Rand der Feuerwalze nah. Olkor, der vornweg lief, hört hinter sich ein Mauzen, als schlüge man ein Katzenkind. Er drehte sich um und sah Yvonna mit verdrehten Gliedern in den Ruß sinken. Er hörte ihr leises Wimmern als stünde sie direkt neben ihm. Erschreckt hob er ihren Kopf. Er sah in ihre bewusstlosen Augen. "Es ist der Durst", dachte er und griff in seine Jacke. Dort hatte er noch ein Sammelseil. Es war gemacht um Hongarblätter darin zu stapeln, aber er setzte das elende Häufchen Mensch, das einmal seine Schwester gewesen war, hinein, entschlossen sie zu tragen. Am Rand des Nordgebirges gab es Seen und Flüsse. Es konnte nicht mehr weit sein. Und doch stellte er sich vor, wie schön ein Unwetter jetzt wäre, mit viel Regen und einem kühlenden Wind. Aber es rührte sich kein Windchen. Barum schlief sich den letzten Rausch aus, mochte Gool ihn mit der Peitsche wecken, wie in den Göttersagen. Und wieder war da dieses Wimmern. Olkor konnte es nicht orten. Es musste von hinten, von seiner Schwester auf seinem Rücken, kommen, aber es war innen. Im Schatten eines Steines fandt er eine Stück Boden ohne Asche. Vorsichtig legte er Yvonna nieder und setzte sich neben sie. Sein Blick suchte den Horizont nach dem Glitzern von Wasser ab. Doch war kein See oder Fluss zu erkennen. "Es ist noch weit bis zu den Bergen. Ohne Wasser...", dachte er und ließ seine Zungenspitze die trockenen Lippen befeuchten, so gut es eben ging. Als der alte Wald noch stand, war Wasser kein Problem. Im Notfall konnte man den Saft des Wasserwurz trinken. Seine dicken, holzigen Wurzeln waren hohl. Wenn keine Dürre war, und Dürre war in Nordwiet sehr selten, konnte man daraus einen süßlichen Saft trinken. Für ein, zwei Tage ging das, dann fiel man in einen tiefen Schlaf. Dieser Schlaf konnte Tage dauern. Wen er einsam auf dem Weg ereilte, der erwachte nicht mehr. Hunger und Durst hatten genug Zeit den leblosen Körper zu überwältigen. Aber der alte Wald war nicht mehr da, keine hohen Kronen, die die Sonnenhitze schluckten, kein Wasserwurz. Und dann noch die Stille. Erst jetzt wurde sie richtig deutlich. Kein sanftes Rauschen hoch oben. Der Ruf des kleinen Hyfenohrs ist verschwunden, wie das Rascheln des oft kniehohen Grases. Olkor war kein Träumer, er wusste ihre Lage war bedrohlich. Wenn sie nicht sehr bald eine Wasserquelle fänden, brauchte er sich wegen des fehlenden Essens keine Sorgen mehr zu machen. Yvonna wirkte zwar sehr zerbrechlich, ein paar Tage ohne Nahrung würde sie trotzdem überstehen. Aber der Durst. In all diesen düsteren Gedanken übermannte ihn der Schlaf. Der Angstschrei seiner kleinen Schwester ließ Olkor hochfahren. "Yvo, was ist los?" Er schaute in ihr Gesicht; in den aufgerissenen Augen meint er eine Gestalt zu erkennen. Langsam drehte er sich um. Einige Meter entfernt stand ein alter Mann. Sein schulterlanges Haar war weiß wie der Schnee auf dem Grab der Magier. Er trug einen Umhang, schwarz wie Yvonnas Haar. In der linken Hand hatte er einen Stab, dessen oberes Ende sich verdickte und in der Form an eine Laterne erinnerte. Olkor betrachtete den Ankömmling und in seinem Inneren war ein Misstrauen. Etwas an dieser Gestalt war falsch, beleidigte seine Sinne. Die Füße, es waren die Füße. Sie standen nicht auf dem Boden. Sie standen in der Luft, eine Handbreite über der Asche. Keine Spur markierte seinen Weg und unberührt lag das graue Puder unter den Stiefeln des Fremden. Und die Augen des Alten sahen durch die Kinder hindurch, ohne Ziel in die Weiten des verbrannten Landes. Olkor hatte in Kollberg vor Jahren einen bilden Bettler gesehen, der auch durch alles vor ihm seinen leeren Blick bohrte. Das Erscheinen dieses Mannes, hier wo nur Tod war, störte die Gesetze der Natur und war wohl ein Grund zur Vorsicht. Langsam ging der Junge auf den alten Mann zu. Der hob plötzlich die Hand und eine Stimme ohne Richtung drang auf Olkor ein. "Halt! Die Nähe des Hüters ist der Tod. Verweile oder stirb weit vor der Zeit." In seinem Inneren hörte er die Stimme seiner Schwester, ein ängstliches Wispern. "Woher kommst ihr, Herr, und wer seid ihr?" "Der Hüter kommt nicht, er ist überall im Land der Magier. Das Land der Magier ist dort, wo ein Magier ist und endet erst, wo auch die Magie nicht hinreicht." Der Hüter, die Angstfigur in den dunklen Kinderzimmern überall in Großwiet. Keine verzweifelte Großmutter im Land, die noch nicht mit seinem Erscheinen einem Enkel gedroht hätte. Aber dieser hier war nicht riesig und sein Gesicht war alt, aber es war nicht böse. Und doch drohte er den Kindern mit einem frühen Tod. Egal, wenn es in dieser Öde noch einen Hoffnungsschimmer gab, so war es nur dieser mysteriöse Hüter. Denn eines war klar, ohne Hilfe waren Olkor und Yvonna sicherlich in wenigen Stunden am Durst gestorben. "Herr, sagt mir, wo ich den Magier finde, dessen Kraft diese Wüste zum Land der Magier werden lässt?" "Nicht der Magier, denn es sind ihrer zwei. Doch einen nur wirst du hier erblicken. Den zweiten und nur ihn kann deine Schwester sehen." Die Kinder sahen sich um und waren offensichtlich allein mit dem Hüter. Auch nicht der Hauch von Leben, soweit der Blick reichte. "Herr, es ist nicht die Zeit für Scherze. Seht ihr nicht, der Atem des Todes streift durch diese Land und wird uns bald erreichen. Ich bitte euch um Hilfe, nicht um Spott." Der Hüter schwieg. Ein Rätsel, ja es war ein Rätsel und seine Lösung brachte Hilfe. So musste es sein. Was war hier und er konnte es nicht sehen? Was sah er, was sich den Blicken seiner Schwester entzog? "Yvo, wen kannst du sehen?" Das Mädchen sah ihren Bruder an und ihre Zweifel an dem Sinn in seiner Frage waren deutlich in ihr Gesicht geschrieben. Aber sie wusste, hier und jetzt war er der Kopf der Familie und sie war auf seinen Schutz angewiesen. Auch wenn sie ihn nicht verstand, antwortete sie: "Nun, dich sehe ich und den Alten." "Wenn kannst du also nicht sehen?" "Mich selbst, doch warum fragst du mich das?" "Und ich kann mich nicht sehen, doch dich und den Alten wohl. Das kann nicht sein." "Und doch ist es so. Die Magie ist hier und ihr seid allein. Denn ich bin nur ein Bild, fernab vom Grab der Magier. Ich vermag hier nur zu hören und zu sprechen, nichts weiter." "Doch was nützt mir die Magie, wenn sie mir nicht gehorcht? Ich kann sie nicht benutzen." "Ich kann nicht viel tun. Höre mir genau zu! Ich zeige dir ein Abbild des nächsten Flusses, der noch Wasser führt. Merk es dir gut und du kannst dorthin gelangen. Doch deine Schwester muss bleiben. Bedenke, wenn das Bild des Flusses für deine Magie ein Ziel sein kann, kannst du auch zurückkehren. Das ist es, was ich euch geben kann. Nutzt diesen Rat und kommt zu mir, wenn ihr bereit seid." Der Alte war verschwunden, ohne einen Laut, wie er erschienen war. An seiner statt sah Olkor das blaue Band eines Flusses, der das Aschemeer durchschnitt. Dorthin, wie auch immer. "Olkor, lass mich nicht allein. Ich habe Angst!" Yvonna klammerte sich an den Jungen. "Ich muss dorthin und Wasser holen." Aber der Rückweg, wie käme er zurück? Wenn ein Bild des Flusses seiner Magie wirklich reichen sollte, brauchte er ein Bild, um wieder hierher zu gelangen. Was er sah waren graue Asche und ein schwarzer Stein. An Hunderten solcher Bilder waren sie auf ihrem Weg hierher vorbei gekommen. Er musste aber zu diesem Stein zurück, wollte er seine Schwester retten. "Ein Zeichen, wir brauchen ein Zeichen!" Er griff sich eine Handvoll Asche und ging zum Stein. Mit Speichel zog er auf der glasigen Oberfläche eine Spur und blies Asche darüber. Schnell war ein großes graues Ypsilon auf schwarzem Grund zu erkennen. Kein Stein, der ihn mit seinem Bild so an seine kleine Schwester band. Der Weg zum Fluss und auch der zurück waren frei. Nur wie sollte er sie gehen? Tief in der Vergangenheit hatte er die Kraft der Magie schon einmal gespürt. Damals war sie aus der Verzweiflung und der Konzentration geboren. Verzweifelt war er wie nie zuvor. Es fehlt nur die Konzentration. Er musste es wollen, ganz fest wollen. Olkor schloss die Augen, erinnerte sich an den Fluss in der Asche und spürte den bohrenden Durst. Ein kühler Hauch berührte sein Gesicht. Als er die Augen öffnete lag vor ihm der Lauf des Wassers, von einem leichten Wind gekräuselt floss es dahin. Voll Gier rannte er ans Ufer. Nein, allein mochte er nicht trinken. Erst wollte er sicher sein den Rückweg auch zu schaffen. Schnell war die Lederflasche mit Wasser gefüllt. Die Augen geschlossen suchte er den Stein, den mit dem Symbol, das ihn zu seiner kleinen Schwester bringen sollte. Fort war die frische Luft. Nur muffiger Harzgeruch durchströmte seine Nase. Er war zurück und mit ihm das Leben spendende Nass in der Flasche. Yvonne saß zusammengekauert an den Stein gelehnt und hatte die Hände vorm Gesicht. Olkor kannte diese eigene Art seiner Schwester sich vor ihren Ängsten zu verstecken. Was sie nicht sehen konnte, war vielleicht auch gar nicht da, vielleicht. Noch viele Male ließ er seine Schwester kurz allein. Der Weg aus der Aschenwüste war weit. Nach drei Tagen säumte wieder Gras ihren Pfad und sie fanden Beeren und Samen, um den riesigen Hunger zu stillen, der zunehmend an ihren Eingeweiden genagt hatte. Der Gipfel des Kristalltores ragt vor ihnen hoch in den Himmel. Hier waren die Höhlen in denen man die Lavakristalle fand. In einer von ihnen musste der Vater sein. Die Hoffnung nach Hause zurück zu kehren trieb die Kinder an. Sie folgten dem schmalen Steig, der in den Berg führte. Von Höhle zu Höhle stiegen sie auf. Je höher sie kamen, umso kälter wurde es. Schnee lag am Weg und die Bäume wurden immer seltener und immer kleiner. Die gefroren Ästchen ließen sich kaum noch entzünden und auch der Zunder aus Olkors Tasche ging zu ende. Vom Vater keine Spur. Es war nicht mehr zu leugnen, hier konnten sie nicht länger suchen. Sie mussten sich entscheiden, wohin sie nun gehen würden. Drei Tage folgten sie nun schon dem Weg nach Westen. Am Fuße des Kristalltors entlang, zwischen Asche und Fels. Olkor hatte sich Abend für Abend Bilder ihres Zuhauses ins Gedächtnis gerufen. Er hatte seine ganze Kraft in die Bilder gelegt, aber nichts geschah. Nur eine bleierne Müdigkeit blieb. Hatte er die Kraft, die er seit dem Besuch des Hüters zu nutzen verstand, wieder verloren? Trotz der Erschöpfung konzentrierte sich auf den Stein in der Feuerzone, den mit dem Aschezeichen. Diesen Weg war er schon gegangen. Wie eine Nadel stieß die Luft über dem verbrannten Land in seine Lungen. Die Kraft war noch da. Er kehrte zu seiner wartenden Schwester zurück. Der Himmel verlor sein Licht mit jedem Augenblick. Olara, die Trägerin des Lichtes, hatte ihre Schlafstatt fast erreicht. Ihre Brüder waren im Glanz der untergehenden Sonne noch nicht zu sehen. Erst in einigen Stunden würden sie erglühen und alles in das schattenlose, blaue Licht der Nacht tauchen. Es war dringend an der Zeit für diese Nacht eine Zuflucht zu finden. Yvonna hatte den Eingang zu einer Höhle im Fels gefunden. Versteckt hinter einem Stein war er für Olkor kaum zu erkennen. Aus der Sicht seiner kleinen Schwester dagegen war er kaum zu übersehen. Sie krochen in den Eingang. Selbst Yvo musste den Kopf ein wenig beugen, um nicht gegen den steinernen Türfirst zu stoßen. Hinter der Felstür führte ein Weg in die Tiefe des Berges. Die Wände waren glatt und der Boden eben. Das war keine Laune der Steine. Hier hatten Menschen Hand angelegt. An den Wänden wuchs in großen Flecken das leuchtend gelbe Feuermoos. Selbst im schwindenden Licht waren es noch gut zu erkennen. In der Nähe des Eingangs war das Moos vom ständigen, leichten Luftstrom getrocknet. Die Geschwister brauchten nur noch etwas Holz, dann konnten sie sich, nach Nächten der Kälte, wieder einmal richtig durchwärmen. Der letzte Baum, den sie gesehen hatten, lag eine gute halbe Stunde Fußmarsch zurück. Sie konnten den kleinen Schwarzbeerbaum ohne ein Licht nicht mehr rechtzeitig erreichen. Und in der Dunkelheit konnte jeder Schritt in den Bergen der letzte sein. Bis das Mondlicht hell genug sein könnte, war die halbe Nacht vergangen und sie würden sich nicht ausruhen können. Also beschlossen sie im Berg nach Brennmaterial zu suchen. Sie nahmen jeder vom trockenen Feuermoos mit und folgten dem Gang. Schon nach wenigen Schritten macht der Gang eine Kurve. Dann war es so dunkel, dass selbst die großen Augen der Waldkatze nichts mehr sähen. Um die Augen anzupassen, blieben sie stehen und starrten in die Schwärze des Ganges. Yvonna bemerkte das schwache Leuchten zuerst. Links und rechts, dort wo Wände und Boden ineinander übergingen, schimmerte ein fahles, grünes Licht. Je länger sie es betrachteten, desto weiter konnten sie den Weg erkennen. Nach zwei weiteren Biegungen wichen die Leuchtstreifen auseinander und der Gang erweiterte sich zu einem kleinen Saal in den Felsen. Von den Wänden strahlte es in vielen Farben. Leuchtende Menschen und Tiere bevölkerten eine Landschaft aus mattgrünem Licht. Eine schier endlose Reihe von Bildern schien eine Geschichte zu erzählen. Die Kinder erkannten sie schnell. Es war die Sage von Torg, dem Herrscher der Kurzen. Hier wurde die Flucht eines Volkes bis ins Innere der Welt erzählt. Und die Gründung ihrer neuen Heimat, dem "Reich in der Dunkelheit", und die Gründung von Torgau, der Felsenstadt. Nie hatten Yvonna und Olkor jemanden getroffen, der Torgau selbst gesehen hatte. Ab und an erzählten die Leute von Kurzen, die sie in den Bergen beobachtet hätten. Aber niemand glaubte ihnen wirklich. Die Kurzen und ihre Reich waren eine Sage. Yvonna und Olkor betrachteten gebannt die Geschichte dieses heimlichen Volkes. Durch die leuchtenden Farben auf dem unregelmäßigen Felsen veränderte jede kleinste Bewegung die Perspektiven. Es schien, als lebten Menschen, Tiere und Pflanzen. Vor dem Bild eines jungen Kurzen blieb das Mädchen stehen. Nach einigen Minuten sagte sie: "Er ist hier. Er kann uns sehen und hat Angst gesehen zu werden. Es ist verboten hier zu sein. Rutnik Hammersson Aber Rutnik Hammersson ist doch hier. Sein Vater wird sehr wütend sein, wenn er es erfährt, sehr wütend." Aus dem Dunkel des hinteren Saales kam ein Geräusch, ein gepresstes Schnaufen. Olkor sah seine Schwester etwas ungläubig an, rief dann aber doch: "Rutnik! Rutnik Hammersson! Zeig dich uns. Wir brauchen deine Hilfe!" "Wer seid ihr und was kann ich schon für euch tun?", kam eine Knabenstimme aus dem dunklen Nichts. "Das Feuer im alten Wald hat uns aus Nordwiet vertrieben. Unsere Mutter ist zu den Göttern gegangen, der Vater wollte in den Bergen Lavakristalle suchen. Doch wir können ihn nicht finden. Hilf uns!" "Die Menschen von Nordwiet sind geächtet. Der Fluch der Magie liegt über ihnen. Keiner darf helfen, nur der Hüter selbst." Die Geschwister schauten sich an, dann antwortete Olkor: "Der Hüter selbst hat uns den Weg gezeigt, der uns hierher führte." "Sagt mir Eure Namen und ich werde versuchen, was ich für euch tun kann. Doch vorerst müsst ihr hier bleiben. Ich werde versuchen den Hüter zu rufen und ihr solltet hoffen, dass er meinem Ruf folgen wird. Nur er kann den Hohen Rat überzeugen!" "Yvonna und Olkor", antworteten sie. Nur ein kurzes Rascheln verriet Rutniks Bewegungen, dann war Stille. Yvo bemerkte ein schwaches Glimmen in der Dunkelheit, etwa dort, woher Rutniks Stimme erklungen war. Vorsichtig tasteten sie sich vor und fanden ein kleines Bündel, das von innen leuchtete. Als sie es öffneten, fanden sie einen kleinen Brotlaib, eine hölzerne Flasche und einen leuchtenden Stein. Olkor nahm den Stein in die rechte Hand und eine wohlige Wärme durchströmte seinen Körper. Er griff nach der Hand seiner Schwester und legte sie behutsam auf den Stein. Ihr vor Kälte zitternder Körper sog die magische Wärme in sich auf. Sie aßen und tranken aus der Flasche, obwohl sie nicht sicher waren, was sie tranken. Der Geschmack erinnerte an den Geruch des Felsenpilzes, war aber doch angenehm und leicht süßlich. Sie mussten Rutnik fragen, wenn er denn zurück käme. An einer flachen Bodenstelle breiteten sie etwas Sand aus, legten ein Tuch darüber und rollten sich um den Stein zusammen, um etwas zu schlafen. Yvo erwachte und blickt schlaftrunken auf das Leuchten der Wände. Wie viel Zeit mochte sie verschlafen haben? Neben ihr hörte sie die langsamen, tiefen Atemzüge ihres Bruders. Die vielen vergeblichen Versuche mit seinen neuen magischen Kräften schienen ihn sehr angestrengt zu haben. Sie stand vorsichtig auf, schob den roten Stein näher an den schlafenden Jungen und ging mit kleinen, behutsamen Schritten weiter in die Dunkelheit am Ende des Saales. Nach wenigen Metern stieß sie gegen eine Felswand. Mit den Fingern suchte sie tastend Rutniks Fluchtweg ins Reich der Kurzen. Doch glitten ihre Hände immer nur über makellos glatte Wände. Das konnte nicht sein, die Kurzen hassten die Magie. Wie konnte also ein Kurzer durch den Felsen gelangen? Während sie noch nach einer Antwort suchte, rutschte ihr Ringfinger in eine kleine Mulde im Gestein. Sie hörte nur ein Wispern und spürte einen Hauch, der ihr Gesicht streifte. Mit einer weit ausladenden Bewegung suchte sie nochmals die Wände ab und ihre rechte Hand glitt plötzlich ins Leere. Schnell griff das Mädchen einige Kiesel und legte sie um die versteckte Mulde. Wie sie vermutet hatte war die Öffnung wenige Augenblicke später schon wieder verschwunden. Hinter ihr raschelte es und ein Stein rollt klappernd über den Fels. Olkor dreht, noch etwas verwirrt, den Kopf und sein Herz schlug heftig los. Yvonna war weg. Panik befiel ihn. "Yvo, wo bist du?", rief er und die Wände des Saales warfen seine Angst tausendfach gebrochen zurück. Seine Schwester richtete sich auf und wandte sich zu ihm um. Von der Rückwand des Saales sahen die Wandbilder noch lebendiger aus. Die Perspektive der Bilder war von hier so verblüffend, dass man nach einer Weile meinte mitten im Geschehen zu stehen. Yvo stand wie erstarrt und das Echo von Olkors Ruf drang nur langsam in ihr Bewusstsein. "Hier bin ich!", antwortete sie und hob den linken Arm. Ihre Finger berührten das feuchte Gestein über ihr und ein feines Rinnsal kalten Wassers lief ihren Arm herab. Erschreckt zog sie die Hand zurück und eilte zu ihrem Bruder zurück. "Dort!", sie zeigte hinter sich, "Dort ist eine versteckte Pforte im Fels!" Ihre schmale Hand fasste den Hosenbund des Jungen und zog. Verwirrt und ein wenig widerwillig ging er ihr nach. Während Ivo vor dem Durchgang nur leicht den Kopf senken musste, konnte Olkor nur mit gebeugten Knien weiter gehen. In seiner Erschöpfung hoffte er, dass es nur ein kurzer Weg würde. Aber sein Wunsch wollte und wollte sich nicht erfüllen. Die leuchtenden Streifen wanden sich, immer dem Boden des Ganges folgend, tiefer und tiefer in den Berg. Die Luft wurde wärmer und ein zunehmendes Glimmen überstrahlte das Leuchten des Bodens. Ein leises Rascheln ließ die Kinder erstarren. Sie waren sich der Gefahr, der sie sich aussetzten, sehr bewusst. Die Kurzen hatten nicht unbedingt den Ruf sehr tolerant gegenüber ungebetenen Besuchern zu sein. Wilde Geschichten wurden über den Einfallsreichtum beim Bestrafen erzählt. So sollen Diebe lebendig in alten, blinden Felsgängen eingemauert worden sein, bis selbst die Knochen vom Felsenpilz verdaut waren. Ein Spion, wenn er noch lebte, irrte sicherlich bis heute im endlosen Labyrinth im Fuße des Kristalltors herum. Es bedurfte daher keiner großen Phantasie, um sich vorzustellen, was ihnen bevor stand, wenn sie entdeckt wurden. Yvo zog den Bruder in den Schatten einer engen Nische. "Es ist ein heiliger Gebetsmann. Er sucht etwas und hat es sehr eilig.", sagte Yvo. Die Gebetsmänner gab es im ganzen Land. Sie lebten in kleinen Gemeinschaften streng von allen anderen Menschen getrennt in den Männerhäusern. Es galt die heiligen Regeln so genau wie möglich zu leben. Je länger ein Mann hier lebte, umso mehr heilige Kraft konnte er erlangen. Heilige Kraft war eine Form der weißen Magie. Das wollte aber niemals jemand zugeben. Deshalb nannte man sie lieber heilende Kraft. Das traf es ohnehin recht gut, da fast alle berühmten Heiler Gebetsmänner waren. "Er soll uns zum Hohen Rat bringen.", flüsterte die Kleine ihrem Bruder ins Ohr. "Woher willst du das wissen?", wisperte Olkor, als eine Gestalt im weißen Umhang der Bergheiler auftauchte. Auf dem Weg zum Ratssaal erzählte der Heiler, dass ihm der Hüter erschienen wäre und von ihm verlangt hätte, sie zu finden. Er solle sie zum Rat bringen, ihre Magie verschleiern und sie schützen. Aber Yvos Kraft könne er nicht abschirmen. Olkor wollte verwundert wissen welche Fähigkeiten denn seine Schwester hätte. "Sie ist eine Leserin und eine sehr starke dazu.", sagte der Gebetsmann. Jetzt erst verstand er das Rätsel des Hüters wirklich. Sie waren zwei Magier und doch konnte jeder nur einen sehen. "Was können wir mit Yvos Kräften tun?" "Nichts. Sie darf sie nur nicht einsetzen." Das war leichter gesagt als getan. Das Mädchen wusste nichts von den Gaben, die sie besaß. Ratom, der Heiler, riet Yvo möglichst an Nichts oder eine schöne Blume zu denken. Wenn sie gefragt würde, solle sie sofort antworten, ohne nachzudenken. Sonst würde sie im Geist Rat bei anderen suchen und damit ihre Magie den Kurzen verraten. Sie durchquerten viele Gänge und Säle bis sie vor einer großen goldbeschlagenen Tür ankamen. Eigentlich war es eher ein Tor.

 

Kapitelende

 

 



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