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Kapitel 2
  Irrweg
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Murrend stand Tolmar auf und ging um die Tür zu schließen. Hier im Bücherkeller war es immer kühl und im Sommer zog es durch den großen, verrußten Kamin. Der junge Magier war sauer. Alle seine Freunde waren unterwegs zum Fest des ersten Aufgangs, nur er musste sich durch dieses Buch mit Transportzaubern quälen. Der Meister hatte gesagt: "Lies und lerne! Denn wenn du findest, was ich für dich bestimmte, kann deine Strafe dein Glück sein!" Was sollte an Nachsitzen ein Glück sein? Vielleicht hätte er den Engun-Saft nicht in den Abendtee des Meisters tun sollen. Er musste wissen, dass er einen Meister der Dunkelheit nicht mit einem einfachen Schlaftrunk an seiner geliebten Lehrtätigkeit würde hindern können. Mandal zog das Schlafmittel mit einer Handbewegung aus dem Getränk, ließ die gelblichen Tropfen bis kurz unter die Decke steigen und über allen Schülern kreisen. Er schloss die Augen und senkte die Hand auf die Teetasse. Nach kurzem Zögern regnete alles auf Tolmar nieder. "Du musst noch viel lernen. Also nutze den heutigen Abend!", hatte er noch gesagt und sich dem Stundenthema zugewandt. Nun also, die Transportzauber. Da gab es drei Gruppen. Der Transport durch den Raum, durch die Zeit und durch die Welten. Seit dem Bann der Magie durfte, und konnte, ein Magier sich nur durch den Raum bewegen. Doch auch das erforderte viel Übung oder großes Talent. Am leichtesten war es einen bekannten Ort zu erreichen. Doch man musste sehr aufmerksam sein. Wenn man keine genaue Vorstellung vom Ziel des Zaubers hatte, landete man an dem Ort, der am ähnlichsten war und am nächsten. Es hat schon Tage gedauert einen unkonzentrierten Schüler wieder in die Schule zurück zu bringen. Transportzauberbuch Mit dem Buch in der Hand war es auch kein Problem sich zu transportieren. Der Haken war das Buch. Kein weises Buch unterlag seinem eigenen Zauber. Einfacher gesagt, man konnte das Buch nicht mitnehmen. Aus Furcht vor einem Fehler, gingen Tolmars 'Reisen' auch nur von einer Zimmerecke zur anderen. Seine große Schwester Armar hatte ihm einige Tricks verraten, aber für sie war alles immer wie ein Spiel und einfach. Sah sie einen Zauber so konnte sie ihn auch selbst. Deshalb war sie wohl auch die jüngste Wächterin seit die großen Drachen die Ahnen hergebracht hatten. Damals mussten alle Magier hier nach Neuwiet kommen, um nicht im blauen Feuer von Ruuk umzukommen. Und heute kamen alle zusammen, denn es war der erste Aufgang. Die große, blaue Scheibe der alten Heimat lugte ein halbes Jahr nach dem letzten Aufgang erstmals wieder über den Horizont. Ihr mattes Licht wird nun das Dunkel der Nacht aufhellen. Noch hatte das große Fest nicht begonnen. Vielleicht könnte er ja einen Transportzauber zum Platz der Heimkehr wirken. Wenn Meister Mandal etwas merkt, könnte er es als Fehler beim Üben der Transportzauber darstellen. Der Gedanke beflügelte ihn. Schwer lag das alte, raue Leder des Buches in seinen Händen. "loco movere", so prangte in geschwungenen, goldenen Lettern der Titel auf dem Einband, Bewegung im Raum. Tolmar schlug eine Seite in der Mitte des Buches auf. Er hatte sie mit einem Spinnenfaden markiert, um sie schnell wieder zu finden. Diese fast unsichtbaren Produkte der Bänderspinne wurden üblicher Weise zum Nähen von besonderen Umhängen genutzt. Das fleißige Tier war einst mit den Magiern von Wiet hierher gelangt. Eine solche Naht Widerstand so ziemlich jedem bekannten Zauber. Einige der Alten behaupten sogar, das Garn aus Spinnenseide könne Magie verstärken oder sie sogar verändern. Wie dem auch sei, Tolmar belegte den Faden meist mit einem Bann. Jetzt war er für ihn, und nur für ihn, leuchtend rot. Das ideale heimliche Lesezeichen. Genau wie es das Buch verlangte schloss er die Augen und blickte im Geiste auf den großen, blauen Kristall, der auf einer kurzen Säule in der Mitte des Festplatzes ruhte. Zaghaft formte er das Wort "moveri" und verschwand mit einem leisen Ploppen. Ein heißer Lufthauch blies ihm die Kapuze vom Kopf. Etwas war offenbar sehr schief gegangen. Tolmar überlegte, ob es wohl eine gute Idee wäre, die Augen zu öffnen. Durch einen kleinen Schlitz blickte er auf etwas leuchtend Blaues. Er zog die Augenlider schnell wieder zusammen und versuchte nachzudenken. Er war beim blauen Kristall, das war gut. Aber er war auf keinen Fall in Neuwiet, dazu war es viel zu warm und das war sehr schlecht.

 

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